Weiter nach Norden geht es nicht mehr. Polnische Trucker auf dem Weg nach Alta – einem norwegischen Ort oberhalb des Polarkreises.

Alta in Norwegen ist für uns das Ende der Welt. Da ist was dran, denn es liegt genau 235 km weit weg – am Nordkapp. Von dort aus sieht man nur noch die endlose Arktische See.

Die Gemeinde Alta tut ihr Bestes, um Touristen anzuziehen und sie davon zu überzeugen, dass man sich hier sogar am Strand sonnen kann. Für diesen Teil des Kontinents ist der Golfstrom, ein warmer Meeresstrom, segensreich. Der Golfstrom sorgt dafür, dass das Klima in Alta anders ist als in Zentralnorwegen – es ist mild! Sogar die Wassertemperatur im Altafjord ähnelt oft der in der Ostsee. In der Stadt gibt es einen Hafen, einen Flughafen sowie ein Kino, ein Museum und eine Bibliothek ... Hier befindet sich sogar die Finnmark-Universität und das nördlichste Eishotel. Die internationale Straße E6 von Trelleborg nach Kirkenes an der russischen Grenze verläuft durch die Stadt und die Verbindung nach Oslo ist genauso bequem wie nach Moskau. „Man kann dort kuscheln“, bewertet der LKW-Fahrer Sławomir Walder die Stadt. Er hat 36 Jahre hinter dem Steuer und neun Winter oberhalb des Polarkreises verbracht. „Dort fragt keiner, wie viele Jahre du fährst“, sagt er. „Was zählt, ist, wie viele Winter du im Norden verbracht hast und ob du ohne Verluste ans Ziel gekommen bist. Sławek ist gerade mit dem nächsten Transport nach Alta losgefahren. Eine solche Lieferung bedeutet, dass er mindestens drei Tage unterwegs ist. Gut, dass zwei Kollegen vom LKW-Transport, die diese Strecke auch kennen, mit ihm fahren: Marek Buja und Zygmunt Rompa. Zu dritt fühlt man sich geborgener als wenn man alleine durch die skandinavische Wildnis fährt. Und die Ladung ist gewaltig: drei Sattelauflieger mit Baumaterial von Balex Metal. Die Norweger haben eine jahrhundertelange Erfahrung im arktischen Bau, aber für die Neuinvestition haben sie Sandwichplatten aus Polen gewählt.

Na dann los

„Gott, führe mich!“ wirft Sławek in den Raum und startet den Motor. Dasselbe tun seine Kollegen. Die Route wurde sorgfältig geplant, weil die Norweger sich an den Terminplan halten. Sie bestellen für einen bestimmten Tag die Entladung, mieten einen Kran und warten auf den Transport. Pünktlichkeit ist die Grundlage für sie. Zeit somit von größter Bedeutung, weshalb die Fahrer die kurvenreichen norwegischen Straßen meiden. Sie sind zwar sehr malerisch, im Sommer verlangsamen sie aber die Fahrt auch deutlich. Die Strecke wird daher durch Schweden und Finnland führen. Die Fahrer haben die Karte im Gedächtnis. Sie würden auch ohne Navi zurechtkommen. Wie ein auswendig gelerntes Gedicht zitieren sie die nächsten Orientierungspunkte: Fähre nach Schweden. Vom Hafen in Nynäshamn mit der Straße 73 nach Stockholm. Danach die Straße 4 und schnell entlang des Bottnischen Meerbusens nach Lulea. Dort fahren sie hinter Överkalix „395“ auf die Straße Nr. 10 nach Pajala, wo sie den Polarkreis überqueren werden. Danach ist schon Finnland mit seinen schönen Bergen und zum Dessert ... Norwegen. „Das ist eine schnelle Strecke. Man kann bis zu 800 km zwischen Pausen fahren.“ kommentiert Zygmunt. „Zivilisation. Schweden, Finnen, Norweger haben alles hier. An den Tankstellen gibt es Badehäuser, wo man baden kann. Ihre Straßen sind gut und komfortabel, Unfälle sind eine Seltenheit. Alles wäre perfekt, wenn nicht die Entfernungen wären … Von einem Kreisverkehr zum nächsten sind es oft 150 oder sogar 300 km. Man schläft 6-8 Stunden und macht sich weiter auf den Weg. Im Sommer scheint ständig die Sonne. Im Winter ist es dagegen dunkel. Die Straßen sind dann auch mit Eis bedeckt oder nach Schneestürmen geschlossen. Man muss eine Menge Demut haben und die ganze Zeit vorsichtig sein.“

Der Norden vergibt keine Fehler

Habt ihr die Stäbe gesehen, die in den Bergen den Weg markieren? Sie sind sehr nützlich, besonders im Winter. In Norwegen sind sie bis zu 4 m lang und stehen entlang der Straße. Auf der Oberseite sind reflektierende Katzenaugen an ihnen befestigt. Man fährt entlang dieser Stäbe und unter den Rädern knirscht der festgefahrene Schnee und Eis. „An unserer Strecke sind die Stäbe nur 2 m lang, es geht also noch. So ist halt das Klima. Aber im Herzen Norwegens, in den Bergen, ist der Winter erst im Mai zu Ende. Schon jetzt ist mit Schnee zu rechnen.“, erläutert Marek. Dies ist auch einer der Gründe, warum der Konvoi von Bolszewo durch die Tiefebenen von Schweden und Finnland fährt. Man könnte denken, dass Abenteuer wie in der TV-Serie über LKW-Fahrer in Alaska ausschließlich dort passieren. Aber fahren Sie nur einmal in den Norden Norwegens. Dort haben es die Trucker mit ähnlichen Problemen zu tun. Starker Regen, niedrige Temperaturen, das Thermometer zeigt 40 Grad unter Null und durch die Scheibe ist nichts zu sehen. „Ich hatte 42 Grad Frost“, sagt Sławek. „Bei minus 36 habe ich die Ketten abmontiert. Mir war nicht kalt, aber wenn du das Heulen von Wölfen hörst, läuft dir ein Schauer über den Rücken. Dann kann man nur auf sich selbst zählen. Der Norden vergibt keine Fehler. Wenn du dich schlecht vorbereitest, versagst du. Nur so jemand, der so ist wie du, kann dann helfen. Dort zählt dein Ruf. Wenn du hilfst, helfen dir auch die anderen“, erklärt er. Und die Situationen sind immer wieder anders. Sogar ein erfahrener Fahrer kann in Schwierigkeiten geraten. „Du fährst, ohne mit irgendetwas zu rechnen, und plötzlich wird das Fahrzeug langsamer und du fängst an zurück zu rutschen – Eis“, erinnert er an eines seiner Abenteuer. „Ich hatte bereits den Türgriff in der Hand und wollte jeden Moment aus der Kabine springen. Aber glücklicherweise bin ich irgendwie wieder aus der Patsche herausgekommen.“

Polarlichter und Rentiere

Führen solche Abenteuer dazu, dass die Fahrer lieber den Norden gegen das heiße Italien, Portugal oder Spanien tauschen würden? Nie im Leben! Hitze, Gedränge, dichter Verkehr. Auf den Straßen im Norden Skandinaviens grüßen sich die Fahrer noch gemäß dem alten Brauch. Denn dort fährt nur eine bestimmte Sorte Menschen. Enthusiasten. Abenteuerfreaks. „Deshalb fahren keine Neulinge in den Norden“, kommentiert Jędrzej Gruba, der Besitzer des LKW-Transports. „Auch im Sommer fahren nach Norwegen Fahrer, die mehrere Wintersaisons oberhalb des Polarkreises hinter sich haben. Es müssen erfahrene Leute sein. Wir schicken nur solche dorthin. „Früher fragte man mich, wie lange ich noch in den Norden zu fahren gedenke, und ich antwortete: Bis ich ein Polarlicht in seiner ganzen Pracht sehen werde!“, sagt Sławek. „Ich wartete vier Jahre, vier lange Winter, um dieses Spektakel mitzuerleben. Atemberaubend. Und nun sage ich: Das war nicht das Polarlicht, welches ich mir erträumt habe, eines mit allen Farben. Dieses war nur grün. Ich will ein prächtigeres sehen. Und so erwartet mich der zehnte Winter im Norden. Ich werde nicht aufgeben. Denn Norwegen ist verlockend. Es ist ein entwickeltes Land, hohe Standards und gleich daneben ... unberührte Natur. – Rentiere sind ein alltäglicher Anblick. Einen Bären habe ich auch schon gesehen. Er fraß am Straßenrand Blaubeeren. Wale, die Wasser ausstoßen, sind von der Kabine aus deutlich zu sehen.“ erwähnt Marek.

Achtung vor Strafzetteln und ... Mücken

Aber es gibt auch Nachteile. Strafzettel sind der Albtraum. Schrecklich teuer. Die Preise ... unvorstellbar. – Unterwegs kann man in einer schwedischen Kneipe vorbeischauen, aber in Norwegen ist es besser, Nahrungsmittelvorräte zu haben. Ansonsten wirst du arm. Wer mag, kann fischen gehen“, empfiehlt Slawek. „Ich habe es selbst schon gemacht. Mit einer geliehenen Angel habe ich einen anderthalb Meter langen Kabeljau gefangen. Aber meistens sind es nur Dosen und Gläser.“ Der zweite Nachteil sind die Mücken. „Sie fressen den Menschen bei lebendigem Leibe auf, deshalb muss man sich schützen“, lacht Sławek und zeigt den Vorhang, den er seit Jahren in der Kabine hat. Er ersetzt ihm ein Moskitonetz. „Ich mag frische Luft, deshalb öffne ich nachts das Fenster. Ich hänge es mit dem Vorhang zu, damit das Ungeziefer nicht reinkommt. Dasselbe mache ich mit dem Schiebedach. Diese Bestien sind gefräßig wie wahrscheinlich nirgendwo sonst auf der Welt. Sie verschwinden erst in der Küstenregion.“

Wunderschön

Die letzten Kilometer in Richtung Meerbusen. Anstelle von Wäldern erscheinen Weiden und statt Rentieren Kühe. Noch ein paar Kilometer und die Reise ist zu Ende. Aber es ist nicht das Ende der Arbeit. Die Ware muss noch entladen und dann zurückgefahren werden. Es gibt keine Zeit, irgendetwas zu besichtigen. Es sei denn, der Fahrtenschreiber gibt eine Pause vor. Dann kann man sich ein bisschen umschauen. Und Skandinavien ist wunderschön. Saubere, atemberaubende Natur. „In Hammerfest gibt es eine Statue mit einem Eisbären in Lebensgröße. Zweieinhalb Meter Schulterhöhe - wenn er sich aufrichtet, ist er so groß wie ein Lastwagen“, erinnert sich Sławek an seinen früheren Aufenthalt. In Alta gibt es auch ein Museum mit Felsmalereien antiker Völker, die älter sind als die Pyramiden – über 6200 Jahre. Wenn wir dort sind, versuchen wir immer noch den Pfarrer, Pater Wojciech Egiert, zu besuchen. Ich habe immer polnische Kekse für ihn, die er liebt.“ Am Ende gilt es noch, sich gründlich auszuschlafen, denn nach Polen ist es ein langer Weg. Vorher noch die Verladung für die Rückfahrt. Nach Hause geht es immer schneller. Dann kommt der Augenblick, wenn man die Scheibe aus dem Fahrtenschreiber herausnimmt. „Es ist ein guter Moment, aber das Beste kommt, wenn ich vor dem Haus stehe und den Türgriff anfasse“, sagt Marek. Aber wenn man sie, die arktischen Trucker fragt, ob sie diesen Job aufgeben würden, antworten sie: Niemals. Für diese Aussichten, für die Natur ... lohnt es sich.

 

 

 

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